Montag, 26. Januar 2009

Über die dunklen Stunden

Eigentlich wollte ich unten stehendes Post nicht veröffentlichen. Da meine Absenz beklagt wurde, den verschmähten Schwestern zur Lektüre. Die letzten Wochen eines Semesters sind einfach zum Kotzen.

Heute habe ich bitterlich geweint. Ich fühlte mich gedemütigt, missverstanden und als „Mutter“ gescheitert. Noch immer fühlt sich meine Nase vom ewigen Rotzen drei Mal so groß an, wie sie leider tatsächlich ist. Und meine Lidränder schmerzen, als hätte theoretisch die grausamste aller Allergien erbarmungslos zugeschlagen - nämlich die gegen alkoholische Getränke. Praktisch ist mir diese aber Gottlob erspart geblieben. Ich denke, die Anzahl der dunklen Stunden im Leben einer Frau sind per se nicht an ihr Alter gebunden. Nur die Ursachen dafür scheinen sich im ähnlichen Rhythmus zu verändern wie ihre Nachtpflege und der zuständige Facharzt.

Mit 18 weinte ich bitterlich, als mir klar wurde, dass ich ohne finanzielle Unterstützung des so genannten elterlichen Hauses würde studieren müssen. Dann krempelte ich einfach die Ärmel hoch. Mit 28 weinte ich bitterlich, als der verheiratete Mann, der mir seine endlose Liebe erklärt hatte, die alimentefreundliche Weite suchte. Fortan lebte ich ohne Anrufbeantworter. Mit 38 dachte ich, die Welt würde untergehen, weil ich meinen tollen Job, um den mich so viele beneideten, inklusive der männlichen Eliten nicht mehr ertrug. Also ging ich. Später dachte ich zu sterben, als meine kleine Schwester vom Krebs zerfressen wurde. Ich kippte ein paar Flaschen Rotwein, kümmerte mich um ihr Kind und mein Burnout und begrub sie. Ich dachte, ich hätte schon alles erlebt, doch weit gefehlt! Heute hat es der Klassenvorstand meines geerbten Neffen mit freundlicher Unterstützung des Kollegiums und des Knilchs geschafft, mich zu schaffen.

Ist eigentlich irgendeine Schwester auf die Schrecken des heimischen Schulsystems vorbereitet? Wer hat neben Job und Haushalt und (wahrscheinlich sowieso nicht existentem) Liebesleben Kraft und Diskussionsfreude für fast täglich heraufdräuende Unbill: nicht eingetragene Schularbeitstermine bzw. ständig geänderte Schularbeitstermine bzw. anders geartete Einträge im Mitteilungsheft bzw. unverständliche Schulinformation bzw. ausgebliebene Schulinformationen bzw. Anschisse eines Schuldirektors im wahlweise Jesuslook oder Beamtenoutfit bzw. Überheblichkeiten eines Lehrer, der denkt, er würde in mir einen Vollidioten als Gesprächspartner sehen? Woher nehmen Lehrer eigentlich das Recht, eigene Verfehlungen als „Verkettung unglücklicher Zufälle“ abzutun und glaubliche Missstände seitens der Erziehungsberechtigten als mittleren Tsunami an den Pranger zu stellen? Wie komme ich eigentlich dazu, mit meinem Kind lernen zu müssen, während andere dafür bezahlt werden? In der Vergangenheit fand ich für jedes Drama einen Ausweg, doch so sehr ich jetzt auch wie ein Uhu meinen Hals verdrehe, finde ich doch kein Schlupfloch. Die Schule seines Kindes kann man leider nicht wechseln wie den Steuerberater oder die Kosmetikerin. Augen zu und durch bis zur Vierten. Augen zu und durch bis zur Matura? Augen zu und durch bis zum Diplom?

Was soll´s. In meinen Fünzigern werde ich irgendwann verzweifelt sein, weil man mich wegen einer Jüngeren verlässt. Ab 60 werde ich eine dunkle Stunde habe, weil ich angeblich zu alt für den Job bin. Und später einmal werde ich bitterlich weinen, weil man mir in dem Heim, in dem ich lebe, beim Waschen oder Unterschieben der Leibschüssel Schmerzen bereitet. Ich werde alles irgendwie überstehen. Jetzt weiß ich einmal, dass es mir morgen wieder besser gehen wird. Weil sich eine Schwester nicht unterkriegen lässt.



5 Kommentare:

  1. Hallo Mascha, habe Ihr Blog erst heute entdeckt und auch nur diesen einen Eintrag bis jetzt gelesen...recht müsant, danke für's Mitteilen. Erlauben Sie mir an dieser Stelle einen bescheidenen Kommentar - bei allem gebührenden Respekt natürlich - (mit)zu teilen: es scheint mir an der Zeit, für die jetztige und alle künftige Dekaden vielleicht die Tonart zu wechseln, und - gerade auch bei einem Glas Prosecco vielleicht? - auf Jammern, Klagen, Verzweiflung und bitterliches Weinen zu verzichten und stattdessen zu versuchen, Veränderungen (wenn auch unerwünschter Natur) als Möglichkeit zu sehen, daran zu lernen (ja auch mit 40+ und 50+ und älter), und daraus gestärkt hervorzugehen? - Dies mag vielleicht wie eine Plattitude erscheinen...aber mich jedenfalls langweilt Jammern und (noch dazu öffentliches) Selbstmitleid...sorry.

    Liebe Grüsse, auch eine 40+

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  2. Wer so eine "Kolumne" schreibt, muss seine noch so triste Situation doch mit einem Augenzwinkern betrachten. Liebe Mascha behalte Deinen Humor und lass Dir von einer die es hinter sich hat (zwei Töchter 22 + 20) sagen, es kommen auch wieder andere Zeiten...
    Liebe Grüße Silvia 50+

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  3. Ich hoffe, Ihr hattet inzwischen auch Zeit, meine anderen posts zu lesen. :-)

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  4. Hallo liebe Mascha Bronsky,

    es ist ein Vergnügen Ihre Posts durchzulesen und ich finde alle insgesamt, sehr schön, interessant und witzig (je nach Thema!).

    Ich bin selbst zwar noch keine 40+ aber an dem Tag Ihres letzten Posts hatte ich Geburtstag und zähle seitdem frische 35 Lenze.

    Ich hoffe, dass ich mit 40+ und älter mir meine Lebensfreude, Energie, Gesundheit und was halt sonst noch so dazu gehört beibehalten kann.
    Das man(n)/frau nicht jeden Tag Bäume ausreißen kann ist verständlich und umso schöner wenn in einem Blog ehrliche Dinge geschrieben werden. Veränderungen die diesen Menschen prägen bzw anders über gewisse Dinge im Leben nachdenken lassen.
    Veränderungen sind aber auch wichtig und sollten wenn auch zu Anfangs nicht schön oder verständlich, doch immer positiv genutzt werden und Veränderungen (finde ich persönlich!) haben ihren Sinn & Zweck!

    Erst kürzlich hat mich ein junges Mädchen im Fitnesscenter auf mein neues Lebensalter angesprochen, mit der Frage: Fühlst Du Dich mit 35 jetzt alt?

    WIE BITTE??!?!?!?! ALT?!?!?! NOCH LANGE NICHT!

    Jetzt kann ich endlich ein ganzes Jahr lang bei den diversen Cardiogeräten im Fitnesscenter, bei der Altersangabe immer gleich auf O.K. drücken, denn die Durchschnittszahl die als erstes am Display aufleuchtet ist die schöne 35 und das sollte und werde ich jetzt ein ganzes Jahr lang so richtig schön geniessen :-)

    In diesem Sinne, freu ich mich schon auf den nächsten Eintrag von Ihnen liebe Mascha Bronsky!

    Alles Liebe
    Anita P.

    P.S.: Der Buddha pflegte schon zu sagen: "Das einzig Beständige ist die Veränderung!"

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